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Geschichte und Kritik der materiellen Kultur









Aus der Welt des Totalitarismus







Russischer Hegemonie-Anspruch in Serbien?


Der frühverstorbene russische Literat Viktor Kriwulin beschrieb in einem Zeitungsartikel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung blitzlichtartig, wie der Krieg im ehemaligen Jugoslawien die sehr kurzzeitige Annäherung Russlands an den Westen und an Europa wieder zunichte machte.

Der russisch-serbische Feschak, die Uniform-Laus, sehnte sich wieder nach Front und Schützengraben.
Doch es steckte auch eine politische Kaste dahinter, die den Mythos eines eurasisch-sowjetischen "Kernlandes" und seiner Hegemonie-Ansprüche wiederbeleben wollte.


Bereits während der Bosnien-Krise wurde der prowestliche Konsens ("Amerikanismus") der "befreiten" Russen in den Medien durch einen "aufdringlichen" Russismus abgelöst [Kriwulin 1999].

Das militärische Eingreifen des Westens in der aus Sicht des serbischen Hegemonialismus nur logisch folgenden Kosovo-Krise wurde dann zum Anlass eines neuen 'Kalten Krieges'. Dieser unerwartete Vorgang wurde nach Viktor Kriwulin symbolisiert durch die demonstrative Kehrtwende des Flugzeugs des russischen Ministerpräsidenten Jewgenij Primakow über dem Atlantik auf dem Wege zu Verhandlungen [Kriwulin 1999].


Die Los Angeles Times berichtete, statt dem neuen Russland Milliarden Dollar an Hilfsgeldern einzuhandeln, habe der Ministerpräsident es vorgezogen, seinen Atlantikflug abzubrechen und nach Moskau zurückzukehren [Paddock 1999].
In einem Telefongespräch mit Vizepräsident Al Gore sei klargeworden, dass die NATO unmittelbar vor einem Bombardement serbischer Stellungen stand. Primakows Reaktion darauf werde seine Position im politischen Leben Russlands sicher stärken. [Paddock 1999]

Gleichzeitig wurde Russland verdächtigt, das Waffenembargo gegen Serbien gebrochen und versucht zu haben, MIG-21-Bomber nach Serbien zu liefern. In Baku war zuvor ein russisches Großraumflugzeug mit falschen Papieren und nicht autorisiertem Militärpersonal aufgebracht worden, beladen mit sechs MIG-21-Bombern, die aus Kasachstan stammten. [Paddock 1999]


Primakow galt als Fürsprecher einer Wiederbelebung der strategischen Stellung der Sowjet-Zeit. Diese militärischen Strukturen versteckten sich nun jedoch wieder hinter einer russisch-orthodoxen Selbstdarstellung.
"Der bewaffnete Schutz der orthodoxen Brüder - auf diese These baut die Rhetorik auf, welche die verschiedensten halbverrückten Nationalabenteurer mit den respektablen Herren des militärindustriellen Komplexes vereint." [Kriwulin 1999]


Aufrüstung sollte zur Verschärfung der Disziplin führen, nachdem die postsowjetischen Privatisierungen wohl hauptsächlich eine neue halbstaatliche Mafia hervorgebracht hatten.

Vielleicht sah man im Balkan auch wieder einen vielversprechenden Markt für den "Absatz russischer Kriegstechnik" [Kriwulin 1999]. Und die Abschottung des Landes sollte Russland vor weiterer Verschuldung im Westen schützen.

Diese ideologischen Konzepte habe Clinton, der an einen globalen Konsens der Ökonomie glaubte, nicht bedacht. In Russland wurden die prowestlichen Positionen und die Stellung Jelzins geschwächt.


Auch Jelzin pflegte einen autokratischen Regierungsstil, indem er am 12.5.1999 über die Köpfe des Parlaments hinweg den Ministerpräsidenten Jewgenij Primakow wegen seiner Nähe zu den Kommunisten wieder entließ.
In der diplomatischen Zwiedenk- und Doppelsprechmanier in Bezug auf Russland signalisierte das dem Ausland, dass sich das Jelzin-Regime von einer pro-sowjetischen Richtung wieder dem prowestlichen Jelzin-Kurs zuwende, was aber wohl nicht der Realität entsprach.

Als Ersatz Primakows schlug Jelzin keinen “Wirtschaftsexperten” vor, sondern einen "Mann der sogenannten Gewaltministerien" [Hoffmann 1999], Sergej Wadimowitsch Stepaschin, der Jelzin bei den Putschversuchen der alten Garde die Treue gehalten hatte und unter diesem Justiz- und Innenminister geworden war.

Als Geheimdienstchef wurde er allerdings einer der Hauptverantwortlichen für den Ersten Tschetschenienkrieg (1994) und wegen des blutigen Ausgangs der gewaltsamen Beendigung der Geiselnahme im Krankenhaus von Budjonnowsk mit 150 Toten wenig später entlassen.

Er blieb ebenso wie Primakow nur wenige Monate bis zur Übernahme durch Putin im Amt.



Auch Viktor Kriwulin redet in seinem Artikel von "NATO-Strategien", obgleich es eher um den Schutz der Menschenrechte und die militärische Disziplinierung der Serben ging.
Im Kontext der postsowjetischen 90er Jahre war die serbische Gewalt beim Zerfall Jugoslawiens eine Provokation der globalen Ordnung, die durchaus zu vergleichen ist mit der gezielten Zerstörung der globalen Ordnung durch die russische Gewalt fünfundzwanzig Jahre später. Das Massaker von Srebrenica im Juli 1995 war der Weltöffentlichkeit noch in schlechter Erinnerung.

Allein in Srebrenica wurden durch die serbische Praxis der ethnischen Säuberung etwa 8000 männliche Bosniaken ermordet und 25000 bosnische Einwohner vertrieben. Als Reaktion darauf hat das NATO-Militär schon damals serbische Stellungen durch Luftschläge angegriffen. [Wikipedia 2026]


Das humanitäre Eingreifen und die Stationierung von Friedenstruppen in Bosnien war im Einvernehmen mit dem vorherigen russischen Kabinett und der Diplomatie von Jelzins Außenminister Kosyrew möglich geworden.
Ein militärisches Eingreifen Russlands statt dem der westlichen Nachbarn war dabei nicht nötig und vielleicht - allein schon wegen der ökonomischen Probleme Russlands - nicht möglich gewesen.

Die russische TV-Berichterstattung im Kosovo-Krieg scheint aber starke militaristische Emotionen geschürt zu haben; fast alle Zuschauer glaubten oder sollten glauben, dass das kurze Bombardement der serbischen Infrastruktur durch die NATO zu einem "neuen großen Krieg" führen würde [Kriwulin 1999].
Statt des Friedens von Dayton waren nun Rekrutierungsbüros für "die serbische Front" zur Realität geworden.


Es ist darauf hinzuweisen, dass die Liebe zwischen Serbien und Russland ein neuer bzw. reanimierter Keim war, da eine solche Liebe zwischen dem multi-ethnischen Jugoslawien und der multi-ethnischen Sowjetunion offenbar nicht bestanden hat. Um so gefährlicher wirkten sich die Reaktionen auf diesen Keim besonders im Osten Europas, aber auch global aus.
Die Liebe orthodoxer Waffenbrüder rechtfertigt natürlich jedes Attentat, jede ethnische Säuberung und vor allem auch jeden imperialen Krieg für Großserbien und Großrussland ...

Es dürfte sich um eine historische Tatsache und nicht um westliche Propaganda handeln, dass sich die Republika Srpska auf dem Territorium, in den Häusern und über den Massengräbern der bosnischen Vorbesitzer breitgemacht hat.

Die Serben als mehrheitsbildendes Staatsvolk hatten sich in den Besitz der Waffen Jugoslawiens gebracht. Sie konnten daher 250000 Kroaten aus ihren Häusern vertreiben und 800000 Bosnier [Rybak 1994].
Besonders im Osten des ehemaligen Bundesstaates Bosnien-Herzegowina war die ethnische Säuberung nahezu vollständig; dort findet man die Stätten der serbischen Kriegsverbrechen, die sich hinter den Namen Brcko, Gorazde, Sarajewo, Srebrenica verbergen.

Die UN-Blauhelme betrachteten ihre Aufgabe als eine humanitäre, die serbischen Militärs und Para-Militärs die ihre jedoch als eine an keine Regeln gebundene strategische.


Interessant ist, dass laut Wikipedia die neue Außenpolitik Russlands der Gegenwart auch von Putins Außenminister Sergej Lawrow nachträglich direkt auf Primakow zurückgeführt wurde [Wikipedia 2026].

Die bereits 1998 bei einem Staatsbesuch in Indien von dem Ministerpräsidenten vorgetragene, so genannte 'Primakow-Doktrin' soll angeblich ein "strategisches Dreieck Moskau - New Delhi - Peking" angestrebt haben, das den Einflussbereich Moskaus wieder auf die Dimensionen der alten Sowjetunion ausdehnen sollte.
Da Primakow eher der politischen Linken Russlands nahestand, wurde diese Doktrin als Neo-Eurasianismus definiert. [Wikipedia 2026]

Politik und Leidenschaften der Serben haben wahrscheinlich weder 1914 noch 1999 das geringste mit dieser Doktrin vom eurasischen ‘Kernland’ zu tun gehabt.




Quellen:

Andrzej Rybak: Bosnien - Business as usual. DIE WOCHE, am 30.9.1994.

Richard C. Paddock: Primakov Does U-Turn Over Atlantic, Heads Home. Los Angeles Times, am 24.3.1999.

Viktor Kriwulin: Der neue Kalte Krieg - Kehrtwende der Russen in die Vergangenheit über dem Atlantik (FAZ, am 27.3.1999).

Christiane Hoffmann: Der letzte Getreue (FAZ, am 14.5.1999).

Wikipedia-Artikel "Primakow-Doktrin", Stand: 29.07.2026.

Wikipedia-Artikel "Massaker von Srebrenica", Stand: 25.09.2026.




©  Stephan Theodor Hahn, Bad Breisig, am 6.11.2026