zur Startseite



Aus der Welt des Totalitarismus







Das Phantom der Weltherrschaft

Das legendäre ‘Eurasische Kernland’



Vom Duell mit Moskau zum Triell

Ayad Al-Ani hoffte beim Krieg um die Ukraine auf die Schwächung eines der Kontrahenten, denn er sah in der Ukraine nur eine Marionette der USA [Al-Ani 2022].

Er glaubte, dass hier "die beiden stärksten Spieler den Kampf aufnehmen" und dass die schwächeren Machtblöcke als "Drittplazierte" dadurch in Zukunft größere Chancen erhalten würden. Für mich ist dieses Weltbild einfach abstrus.
Aber es erklärt vielleicht die Zurückhaltung einiger Länder bei der eindeutigen Positionierung gegenüber der Aggression Russlands, die sich damit etwa so verhalten wie sie es wohl auch bei einem ebenso blutigen Hahnenkampf tun würden.

Ayad Al-Ani will die uneindeutige Haltung bzw. Komplizenschaft des globalen Südens mit dessen fehlenden Aussichten auf Integration in die wirtschaftlichen Strukturen des Westens in Zusammenhang bringen.

Der Drittplazierte in jenem Triell, der in den Augen des Autors die Nachfolge Russlands als Aggressor antreten soll, ist vorerst China, dieses aber nicht allein. Ihm würden sich beispielsweise die leidgeprüften Länder Iran, Irak und Syrien lieber anschließen als dem Westen. [Al-Ani 2022]


Doch Aggressionen der Zweit-, Dritt- und Nachplazierten schwächen diese selbst, weil sie nicht mehr von den Bemühungen der Erstplazierten zur Friedenssicherung profitieren können. Der Machtkampf des militärisch-industriellen Komplexes von Russland geht vornehmlich auf Kosten des 'globalen Südens'.

Womöglich sind Europa oder die USA zwar gar nicht mehr die Erstplazierten, zumal Donald Trump offensichtlich eher Neigungen zum Letztplazierten hat. Wenn man die USA und Europa jedoch politisch praktisch gleichsetzte, hätte Russland sowieso keine Chance. Seine Aggression muss den Aggressor und die russische Welt viel stärker schwächen als die EU oder die USA.

Eine mögliche Erklärung für dieses pathologische Verhalten wäre, dass Putin bereits als Marionette Chinas handelt, welches im Sinne Al-Anis zum Erstplazierten geworden ist.


Auch in diesem Primitiv-Modell spielt der Glaube an die Möglichkeit oder Notwendigkeit der Erlangung der Weltherrschaft die Hauptrolle.



Die Interessen der USA

Selbst zwei Monate nach der Implosion der USSR beschäftigte die USA in ihrer "Defence Planning Guidance" (Version vom 18.2.1992) weiterhin das Problem, das imperiale Mächte mit Konkurrenz haben [Morris 2013, Kap.7]:
Das oberste Ziel der USA sei, zu verhindern, einen neuen Rivalen erwachsen zu lassen, gleichgültig, ob "auf dem Boden der vorherigen Sowjetunion" oder in Westeuropa oder in China.
Man mag darin nur die militärische Rivalität erkennen wollen, es geht aber auch immer um die ökonomische Weltherrschaft!


Das außergewöhnliche an diesen Ambitionen ist, dass es im Gegensatz zu früheren Zivilisationen mit nebeneinander existierenden Großreichen tatsächlich um eine globale Weltherrschaft geht, die anscheinend nur von den Angelsachsen, dem russischen Reich und Hitler jemals angestrebt wurde.

Andererseits verbreiten auch die globalisierten Medien der Gegenwart diese fragwürdige Litanei, dass es in der Politik wirklich um Weltherrschaft gehe.

Vielleicht ist die Weltherrschaft der USA auch das alleinige klare Ziel der MAGA-Poltiker ("MAKE AMERICA GREAT AGAIN").


Nach dem Clinton-Berater Zbigniew Brzeziński würde Eurasien zum Rivalen der USA werden durch eine "europäische Neuorientierung, die entweder eine deutsch-russische Absprache oder eine französisch-russische Allianz zur Folge hätte" [Seifert 2022]. Das sind Eventualitäten, die durch den Angriff Wladimir Putins auf Europa vom Tisch sind. Als "gefährlichstes Szenario [wurde] eine große Koalition zwischen China, Russland und dem Iran" anvisiert.
Diese wahrhaft schrecklichen Szenarien haben Donald Trump bereits zur bedingungslosen Kapitulation gegenüber Putin getrieben und das wohl ausschließlich auf Grund des fadenscheinigen Mythos von der Macht Eurasiens.


Ian Morris zog allerdings Parallelen zwischen der sich abschwächenden Vormachtstellung Großbritanniens seit dem Ende des 19. Jh.s und dem gleichen Problem der USA seit Ende des 20. Jh.s.
Diese Situation veranlasse Rivalen der USA dazu, "die Dinge an den Rand des Abgrunds zu lavieren". [Morris 2013, Kap.7]


Dabei hatte es zu Beginn des 21. Jh.s noch den Anschein, dass die USA keine Konfrontationen mit großen Mächten mehr zu fürchten habe, nur mit Rebellengruppen, die sich allerdings im Falle des Islamismus zu einer weltumspannenden Bewegung mauserten.

Der einseitig militärische Drang zur Vormacht der USA weltweit war allerdings schon lange Ziel der allgemeinen Kritik.

Ein Gleichgewicht zwischen mehreren militärisch starken Blöcken würde andererseits vielleicht durch häufigere Kriege aufrechterhalten werden müssen als das Gesetz eines einzelnen Weltsheriffs.
Die militärischen Provokationen des Ukraine- und des Gaza-Krieges stellten dieses Gesetz in Frage, und sollten offensichtlich statt dessen wieder einen eurasischen und einen islamischen Block installieren.


Als Grundregel bisheriger Geopolitik galt spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg, dass die USA die alleinige globale Hegemonialmacht darstellt, deren wirtschaftliche, ideologische und strategische Vorgaben zu befolgen sind. Nachdem Russland als weitere große Hilfsmacht dunkler globaler Machenschaften im Ukraine-Krieg mehr oder weniger kollabierte, wurde China und seine Seidenstraße zu dieser dunklen Macht erklärt [arte, am 19. 7.2022].


In diesem neuen Jahrtausend zwang die Stärke oder Attraktivität der ostasiatischen Ökonomien die USA längst dazu, sich zunehmend im pazifischen Raum statt in Europa zu engagieren.
Umberto Eco fürchtete schon, dass Europa ohne die wirtschaftliche Bindung an die USA ein Hinterhof werden könne. Die EU brauche deswegen "eine gemeinsame Außenpolitik und ein eigenes Verteidigungssystem". [Eco in: La Republica, Mai 2003]

Es mag in den USA politische Bestrebungen geben, endlich den Versuch zu machen, es mit den ökonomischen Kräften des östlichen Asiens aufzunehmen; dazu wurde es als notwendig angesehen, die in Kriegs- und Nachkriegszeiten eher großzügigen Beziehungen zu Europa zu kappen.

Für Westeuropäer kaum verständlich ist, dass mit diesem Ziel sogar die vielversprechenden Erfolge dieser Beziehungen im östlichen Europa preisgegeben wurden. Genau wie in den Diskussionen der K-Gruppen der 60er Jahre werden mit dieser Politik die Errungenschaften der ökonomischen Sicherheit und militärischen Stärke Europas einem toxischen eurasischen Zwerg geopfert.



Weltmacht China

Für Stalin besaßen die Vereinigten Staaten noch so viel Prestige, dass er sich "vermutlich" nur dank ihrer tatkräftigen Hilfe dazu bewegen ließ, weiter gegen Hitler zu kämpfen, der ebenfalls die Weltherrschaft über Eurasien erobern wollte ... [Lukacs 1980, II-6 - Amerikanisierung].

Alfred McCoy beweint nun, dass der erste Schritt zu einer neuen Weltherrschaft das Bündnis Wladimir Putins mit Xi Jinping sein könnte [McCoy 2022].
Ihre zahlreichen Treffen hätten bereits eine Allianz begründet, die 'global governance' bezwecke.

Eine solche Konstellation hatte sich allerdings schon durch die Unterwerfung Mao Zedongs unter die Stalinsche Militärmacht 1949 abgezeichnet, wenn auch in einem umgekehrten Abhängigkeitsverhältnis.


Es gibt also noch eine Weltmacht China, die der us-amerikanischen Weltherrschaft und Sheriff-Rolle im Wege steht.


Das zeitgenössische bzw. Putin'sche Russland machte seine geografische und ideologische Nähe zu Asien deutlich.
Schon das Zarenreich konnte einen strategischen Fuß nach Ostasien schieben, indem es während der Schwäche des chinesischen Kaisertums seinen Einfluss im Amur-Gebiet konsolidierte.
Sehr viel später kam ihm damit auch die Kim-Dynastie näher.

Diese Beziehungen sind dem neuen Russland wichtiger als die zum Westen.

Der Mordbrenner-Ideologe Sergej Karaganov drängte, die langwierige Unterwerfung und Umerziehung der "ultranationalistischen" Bevölkerung der Ukraine werde "Russland von der dringend benötigten Verschiebung seines geistigen, wirtschaftlichen und militärisch-politischen Zentrums in den Osten Eurasiens ablenken" [Karaganov 2023].
Vielleicht muss man hier auch den Doppelsinn erkennen, der sich auf den russischen Führer und seine Präferenzen bezieht.

Praktisch zielte die Aggression Putins auf eine "Wiederbelebung des Ost-West-Konfliktes in Europa" ab und damit auf eine isolationistische Europapolitik [Zürn 2022].
Für Putins Russland scheinen die Kosten sowohl des Friedens als auch des Krieges mit Europa zu hoch zu sein, so dass es sich auf das ferne China als künftigen Brotgeber festlegt. Nicht die aus Sowjetzeiten bekannte noble Selbstisolierung Moskaus stellt das Problem dar, Moskau ist ein aggressives Militärbündnis mit den beiden Nachbarn China und Nordkorea eingegangen.


Die Olympischen Winterspiele im Februar 2022 fanden in Peking statt. Bei der Eröffnungszeremonie gaben Xi Jinping und Putin ausführliche Erklärungen ab, dass ihre guten Beziehungen “keinerlei Einschränkungen” unterlägen [Soros 2022].

Da westliche Militärexperten Xi Jinping zuvor über Putins Kriegsvorbereitungen gegenüber der Ukraine informiert hatten, ging man davon aus, dass der chinesische Regierungschef bei dieser Gelegenheit sein Einverständnis für den Krieg gegeben hat [Soros 2022].
Nachdem sich Xi Jinping auch im weiteren Verlauf des Ukrainekrieges demonstrativ in die Nähe des russischen Warlords bzw. seiner fossilen Energiequellen begeben hatte, könnten sich die beiden auch darauf verlegen, ihr militärstrategisches Gewicht zu bündeln und einzusetzen.


Die Autoren einer Influencer-Soap verlangten, dass sich der Westen den Interessen der Welt anzupassen habe und deshalb keine Sanktionen gegen Russland erheben dürfe [arte, am 19. 7.2022]. Dabei nutzten diese Sanktionen China als dem alternativen Handelspartner Russlands sogar.

Die westlichen Sanktionen können ohnehin nur solange eine Wirkung haben, wie sie von einer fiktiven globalen Leitwährung gestützt werden, als die bisher der Dollar galt.
Offenbar wurde angenommen, dass der Yuan zu dieser Leitwährung werden könnte, während sich 2023 eindeutig eher der EURO durchsetzte.



--> Fortsetzung des Textes --->




©  Stephan Theodor Hahn, Bad Breisig, am 29.10.2026